Kommentar20. September 2019

Ein Wiegenlied für unsere Erde

Die tiefere Dimension des Klimawandels

Die Szenarien lesen sich wie ein Drehbuch für einen Weltuntergangsfilm: Aus ehemals fruchtbaren Landschaften werden Wüsten, aus Permafrostböden matschige Sümpfe, Überschwemmungen reißen das Erdreich mit, die Landwirtschaft leidet unter langen Dürren, die Menschen unter Hitzewellen – die Ernährung sicherzustellen wird immer schwieriger. Diese Szenarien entspringen keiner Phantasie. Mit ihnen beschreiben die Wissenschaftler des Weltklimarates die Auswirkungen des Klimawandels.

So fasst die ARD den jüngsten Weltklimareport zusammen.

Ist homo sapiens, der weise Mensch, zu dumm für diese Welt? Besessen? Im Griff der falschen Führer?

Ich will zum Weltklimatag des 20. Septembers 2019 eine andere Perspektive aufzeigen: Homo sapiens ist auch für diesen Wandel gerüstet.

Wenn er seine menschliche Karte spielt.

Deshalb nenne ich diesen Beitrag ein Wiegenlied.

Ein Wiegenlied für unsere Erde.

Warum ein Wiegenlied?

Die Schulanfänger, die vor ein paar Wochen in Deutschland eingeschult worden sind, haben in ihrem Leben bereits sechs der zehn heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 erlebt. Sie haben in diesem Juli teilweise Temperaturen bis 42,6 Grad kennen gelernt. In Deutschland. Wenn ihre Eltern mit ihnen in die Alpen gefahren sind, sind sie vielleicht auf Wegen gewandert, die noch vor wenigen Jahren unter Gletschern lagen. Das mag nicht dramatisch klingen. Was der Klimawandel aber für die Gesellschaften dieser Welt wirklich bedeutet, haben gerade die Wissenschaftler des IPCC zusammengefasst. Das einleitende Zitat zu diesem „Wiegenlied“ stammt aus ihrem Report.

Ich habe die Zusammenfassung dieses Berichts gelesen, und bin insbesondere über den Schwund der fruchtbaren Bodenkrume schockiert. Das ist der Boden, der uns ernährt und der sich über Hunderte, ja Tausende von Jahren gebildet hat. Unser natürliches Sicherungsnetz, das nicht einfach neu geknüpft werden kann. Seit die Wälder des Amazonasbeckens brennen, ist eine weitere Sorge dazu gekommen: Mit welchem Hebel kann überhaupt noch die Zerstörung unserer natürlichen Grundlagen aufgehalten werden?

Darum soll es in diesem Beitrag gehen.

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Das vom Weltklimarat geschilderte Szenario von Gletscherschwund, Anstieg der Meeresspiegel und Ausbreitung von Dürregebieten ist seit mehr als drei Jahrzehnten bekannt. Dass es eintritt, war vorhersehbar. Es ist die logische Konsequenz eines Wirtschaftsmodells, das auf immerwährender Steigerung und Entgrenzung beruht.

Es ist EINE Konsequenz dieses Wirtschaftsmodells, um es genauer zu sagen. Andere Folgen sind ähnlich gut beschrieben – von der wachsenden Ungleichheit unter den Bürgern, über die zunehmende Erosion der menschlichen Fürsorge, bis zum Verlust der natürlichen Sicherungssysteme durch Artenschwund, Bodenversiegelung und Verschmutzung der Meere.

Gleichzeitig hat dieses System des rücksichtslosen Wachstums uns Menschen reicher, wirkmächtiger und produktiver gemacht als je zuvor. Zumindest in den privilegierten Ländern leben die allermeisten Menschen in existentieller Sicherheit. Und wer die richtigen Knöpfe dieser Wachstumsmaschine bedienen kann (oder sie mit Kapital füttern darf), kann heute besser leben als die Sonnenkönige der Vergangenheit.

Ein schier schizophrenes Bild. Wir haben den alten Menschheitstraum vom nicht enden wollenden Reichtum verwirklicht. Aber gleichzeitig ist die Wüste auf dem Vormarsch. Wir haben das Schlaraffenland geschaffen. Aber wer hat zu ihm Zugang? Wir sind hundert mal produktiver als frühere Generationen. Aber rackern uns noch immer schlaflos, als ob wir am Verhungern wären. Wir sind unendlich reich, können uns aber eine menschliche Behandlung unserer Alten nicht mehr leisten. Und wie viele Kinder fallen durch die Maschen? Wir wissen so viel mehr als frühere Generationen – und setzen doch auf eine Landwirtschaft, die pro Zeiteinheit bis zu hundert mal mehr Bodenkrume verbraucht als der Boden nachbilden kann.

Wie lange das gut geht? Wir können es berechnen.

Aber wir können es nicht ändern. Nicht in den freiesten Gesellschaften, die es jemals gab. Nicht mit allem Reichtum und allen technologischen Möglichkeiten, die inzwischen im wahrsten Sinn des Wortes bis zu den Sternen reichen. Nicht mit allem Wissen der Welt, das heute jeder von uns in der Hosentasche trägt.

Es ist für mich kein Zufall, dass ausgerechnet die mächtigste und erfolgreichste aller Nationen vor unseren Augen kollabiert, die USA. Sie beherrschen die Welt, das dort verfügbare Vermögen hat die 100 000 Milliarden Dollar überschritten. Hundert Millionen Millionen. Und doch haben es die USA bis heute nicht geschafft, einen Mutterschutz einzurichten. Von einer gesetzlichen Krankenversicherung ganz zu schweigen. 2,2 Millionen Bürger leben in Gefängnissen, weitere 2 Millionen als Straffällige auf Bewährung. 45 Millionen leben unter der Armutsgrenze. In jedem „Friedensjahr“ werden in den USA mehr Menschen erschossen als in den Kriegen in Vietnam, Afghanistan und dem Irak insgesamt gestorben sind. 70 000 Bürger sterben pro Jahr an ihrer Drogensucht. Dem medizinischen Fortschritt zum Trotz sinkt die durchschnittliche Lebenserwartung. Kurz, den grenzenlosen Möglichkeiten steht eine regelrechte Verwüstung entgegen. Hinter einem immer rasanteren Fortschritt zeigt sich das hässliche Gesicht eines verelendeten Gemeinwesens. Und darin leben wieder Herren und Diener, wie ehedem. Und meist sind sie wieder eingeteilt nach Hautfarbe, wie ehedem. Von dem Führer, den sich dieses „freie“ Land auserwählt hat, will ich schweigen.

Die erfolgreichste Nation auf Erden – ein Staat, der vor unseren Augen scheitert. Gleichzeitig ein Staat, der stärker über die Zukunft der Erde bestimmt als jeder andere.

Ganz offensichtlich, es war eine bequeme Lüge, Stabilität, Wohlstand und ein gutes Leben ließen sich durch Rücksichtslosigkeit, Ausbeutung und Bezwingung von Schwächeren erreichen. Immer haben wir den Blick auf die uns momentan entstehenden Vorteile gerichtet und gehofft: Es wird immer so weiter gehen. Wie die Siedler von damals, die einfach flussaufwärts zogen, wenn der Fluss zu dreckig wurde. Jetzt dämmert uns allmählich: Wir leben alle flussabwärts.

Alle? Auch das wissen wir inzwischen besser: Noch weiter unten am Fluss leben diejenigen, deren Schutz uns eigentlich aufgetragen ist: unsere Kinder und Kindeskinder. Alles, was wir jetzt weiter an Gefahren freisetzen – sei es aus Trägheit, sei es aus Unvermögen – wird sie stärker treffen als uns selbst.

Im Jahr 2018 hat ein Kind sich mit einem Plakat vor den schwedischen Reichstag gesetzt und auf das Offensichtliche aufmerksam gemacht: Es kann so nicht weiter gehen. Aufruf zum Streik: Warum sollen wir in die Schule gehen, während die Erwachsenen unsere Zukunft zerstören? Wir müssen jetzt gemeinsam alles tun, um die Erde bewohnbar zu halten!

Ihr Erwachsenen, macht bitte mit.


Das war der einleitende Teil meines Beitrags, den ich zum Weltklimatag geschrieben habe:

Eigentlich ist es fast schon ein kleines „Büchle“, das Dich da erwartet, aber so ist das eben, wenn man ein bisschen tiefer gehen will.

Ich lade dich ein, das Wiegenlied herunterzuladen, zu lesen, zu teilen oder sonstwie weiterzugeben. (Und falls es dir gefällt, bin ich für einen kleinen Beitrag zu meinem Aufwand dankbar, es steckt eben nicht nur viel Herzblut, sondern auch viel Mühe drin 😉 – ich werde für jeden Euro, den ich einnehme dann 25 Cent an die FFF-Bewegung weiterleiten, weil ich für deren hartnäckiges Rufen dankbar bin.)

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